Jagdliche Wechselbäder – die Jagdsaison neigt sich dem Ende…

Das Wetter ist mehr als bescheiden. Was bin ich froh, dass ich das morgige Saudrücken schon frühzeitig abgesagt habe. Was war ich gibberig im Oktober auf die erste Drückjagd im Jahr. Die Vorfreude setzte schon zu Ende der Hirschbrunft ein. Ja, und dann ging es richtig los. In der Woche, am Samstag und auch mal sonntags. Zu den Hotspots, den Samstagen im November/Dezember, stapelten sich die Einladungen. Um nichts ins Schleudern zu kommen, hilft mir ein einfaches Prinzip: Die erste Jagd, die ich zu einem bestimmten Termin zugesagt habe, bleibt immer topgesetzt. Selbst wenn danach Einladungen kommen, die deutlich mehr versprechen. Das bewahrt vor Erklärungsnöten.

Wer Zeit und Möglichkeit (und vielleicht noch einen guten Hund) hat, ist in den beiden letzten Monaten des Jahres jagdlich mehr als ausgelastet. Unterdessen wird auch der Januar für Drückjagden intensiv genutzt. Für mich ein zweifelhaftes Vergnügen. Schon bei den ersten Jagden im neuen Jahr tauchten Bachen mit Streifenhörnchen auf. Eine doppelte Gefahr: Wer in den wenigen Drückjagd-Augenblicken nicht die Zitzen oder den Mini-Nachwuchs entdeckt und abdrückt, begeht einen schweren Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Von der persönlichen Belastung durch einen solch verhängnisvollen Schuss mal ganz abgesehen. Auch für die Hunde besteht Gefahr, weil Wildschweinmütter sehr aggressiv ihren Nachwuchs verteidigen.

Eigentlich war für mich der Januar immer ein Nachlesemonat. Auf der Einzeljagd wurde noch das eine oder andere Stück erlegt und so der Abschussplan komplettiert. Das sorgt auch für weniger Unruhe im winterlichen Revier. Nach den ganzen Großereignissen freut man sich wieder richtig auf die besinnliche Einzeljagd. Es ist wie immer: Wenn man etwas sehr ausgiebig genossen hat, sehnt man sich nach dem Kontrastprogramm. Deshalb bin ich mir sicher: Spätestens im Herbst steigt wieder die Vorfreude auf die großen gemeinsamen Jagden im Wald.

Drückjagd: Halali und Hut ab – eine Frage der Ehre?

Bricht einem keinen Zacken aus der Krone – Hut ab beim HALALI !

Hut ab?!

Im letzten Licht funkelt das herbstliche Laub im Hintergrund. Die Strecke ist gelegt. Die Jagdkorona steht an einer ansehnlichen Strecke. Brüche werden überreicht, die Wildarten verblasen. Nach Schlussworten des Jagdleiters endet das Szenario im Schein der Streckenfeuer mit den Hornsignalen „Jagd vorbei“ und „Halali“. Bei Letzterem ziehe ich unwillkürlich den Hut. Ich bin es gewohnt, für diese Geste einige irritierte Blicke meiner Mitjäger einzufangen. Trotzdem folgen einige zögernd meinem Beispiel. Macht es der Jagdleiter vor, folgt ihm meistens die ganze Jagdgesellschaft.

Ein Jagdkundiger belehrt mich beim Gang zum Auto, dass dieses „Hut ziehen“ nicht nötig, nach den ungeschriebenen jagdlichen Regeln eigentlich sogar Blödsinn sei. Das tue man nur bei Beerdigungen von Menschen, nicht beim Streckelegen von Wild. So sehr mich dieser Typ auch nervt, im Kern hat er recht – so sind die allgemeinen Gepflogenheiten.

Doch müssen wir alles über einen Kamm scheren, muss alles in Reih und Glied nach einem Muster erfolgen wie beim Militär. Wir brechen an einem solchen Tag mit viel Vehemenz in den Lebensraum der Wildtiere ein und versuchen möglichst effektiv Strecke zu machen. Das ist sinnvoll und beschert uns jagdliche Spannung mit hohem Erlebniswert. Diese Erregungskurve ist spätestens beim Streckelegen wieder abgeklungen. Unsere jagdliche Freude, unser Erfolg hat den Wildtieren, die dort liegen, das Leben genommen. Das ruft bei mir eine Mischung aus Dankbarkeit und Demut hervor. Deshalb spüre ich diese innere Bedürfnis, mich vor diesen Geschöpfen, die diesen Tag nicht überlebt haben, zu verneigen. Den Hut zu ziehen.

Einige aus meinem jagdlichen Umfeld meinen, ich sei ein jagdliches Weichei geworden. Vielleicht haben sie damit recht. Denn es schwingt in dieser Geste auch ein gewisses Bedauern mit. Aber ist das denn so schlimm? Ist das ein Zeichen von Schwäche? Eine innere Einstellung muss nicht mehrheitsfähig sein. Obwohl – ich würde mich freuen, wenn alle unserem Wild bei dieser Gelegenheit auf diese Art die letzte Ehre erweisen würden. Ich finde, unser Wild hat das verdient.